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Pressestimmen „Das 2te Ich – ein Traumfragment von Walter Benjamin“


Trugbilder einer Sylvesternacht

Das ist es, was Figurentheater schon immer besonders gut konnte. Und was Frank Soehnle zur hohen Kunst getrieben hat. Surreale Bilder heraufzubeschwören, die so viel andeuten und gleichzeitig so viel geheimnisvoll offen lassen, dass die Fantasie unweigerlich daran weiterzuarbeiten beginnt. Und die Leerstellen, das Unausgesprochene, nicht Erklärbare mit Projektionen aus der Tiefe der eigenen Psyche aufzufüllen beginnt.

Zu nostalgischen Schnulzen von der Schellackplatte treibt „Krambacher“ durch die Straßen, dann wieder zu psychedelischen Klängen (Musik: Stefan Mertin). Begleitet von der unheimlichen, stockend-monotonen Stimme von Sprecher Christian Glötzner aus dem Off.

In dem geheimnisvollen Varieté tut sich ein wahres Panoptikum auf. Die Revue selbst zieht alle Register. Feingliedrige Marionetten schweben durch die Lüfte (Choreografie: Karin Ould Chih): Tänzerinnen und Tänzer in Vogel- oder Pferdegestalt, halb menschlich, halb tierisch, halb erotische Verlockung, halb skelettartige Todesverheißung.

Musik, Licht und Figurenspiel greifen in dieser Inszenierung immer virtuoser ineinander. Bewegliche, von der Decke hängende, halb durchsichtige Scheiben ermöglichen raffinierte Schattentheater Effekte. Das ganze ist Spuk und Fest, unheimlich und graziös, morbid und sinnlich, Totentanz und Ballett.

GEA, 31.12.2018


Die magische Stunde im Kaiserpanorama

Die aktuelle Premiere zeigt Soehnle ganz auf der Höhe seines Könnens, als einen versierten und virtuosen Traum-Tänzer, der weiß, was er tut. Der das Publikum eine Stunde lang verzaubert, mitnimmt auf eine Reise ins Innere zum reflexiven Schlüssellochblick auf das „Zweite Ich“.

Im Zwielicht der Bühne, zwischen verschmierten, verschlierten Glasscheiben, reanimiert Soehnle mit ruhigen Bewegungen eine zusammengesunken kauernde Pickelhauben-Gestalt.

Soehnle, der Strippenzieher, hat in diesem halbdunklen Schattenreich alle Hände voll zu tun. Und es ist frappierend, wie er dieses Handwerk der hohen Marionettenkunst, ja man muss sagen, unfallfrei beherrscht; mit einer lässigen Leichtigkeit, die auf ihn als allein handelnden Akteur zurückwirkt.

Tatsächlich, er verhält sich ganz wie ein Tänzer mit wechselnden Partnern, bleibt mit den Objekten verbunden und innig verbandelt.

Soehnle nähert sich der Gegenwart des künstlerischen Figurentheaters gerne über den Abstecher in die Vergangenheit. Beschwört vergangene Zeiten mit Max Jacob oder Giacomettis Reduktion – und findet sich schließlich im Zeitlosen wieder.

Manchmal nimmt er sich diesen schönen Satz von Walter Benjamin zu Herzen: „Alle großen Puppenspieler versichern, das große Geheimnis der Sache sei eigentlich, den Puppen ihren eigenen Willen zu lassen“. Ganz großes Theater im relativ kleinen, wie im Brennglas.

Ein Triumph des Magischen.

Südwestpresse/Schwäbisches Tagblatt 31.12.2018